Newsletter Mai 2025
Liebe Leserinnen und Leser!
Diesmal wollen wir Sie über folgenden Themen informieren:
- Am 14. April wurde eine Studie publiziert, die für einige Aufregung sorgte. 5% aller jährlich diagnostizierten Krebsfälle in den USA sollen auf die CT-Diagnostik zurückzuführen sein.
- VMSÖ-Jahrestagung 2025 – Vorprogramm
- Weitere Termine
A) Studie “Projected Lifetime Cancer Risks From Current Computed Tomography Imaging”
(Smith-Bindman R, et al., JAMA Intern Med. 2025 Apr 14:e250505)
Das Ergebnis in zwei Sätzen:
- 93 Millionen CT-Untersuchungen an 62 Millionen Patienten, die 2023 in den USA durchgeführt wurden, verursachen prognostiziert ca. 103 000 zukünftige Krebsfälle – d.i. 5% aller jährlich diagnostizierten Krebsfälle in den USA.
- Obwohl das Krebsrisiko pro Untersuchung bei Kindern bekanntermaßen höher ist als bei Erwachsenen, resultiert die Mehrzahl der prognostizierten Krebsfälle aus den viel häufigeren Untersuchungen an Erwachsenen.
Vergleichsweise hatte eine ähnlich Studie 2007 „nur“ 29 000 CT-induzierte Krebsfälle abgeschätzt. Dies führen die Autor:innen der aktuellen Studie darauf zurück, dass einerseits die Häufigkeit von CT-Untersuchungen seit 2007 um 30% zugenommen hat, und andererseits die Dosisdaten und auch die verschiedenen CT-Untersuchungen genauer differenziert und die Mehrphasigkeit vieler CT-Untersuchungen berücksichtigt wurden.
Wie ist diese Studie aufgebaut?
1. Ermittlung der Häufigkeit der diagnostischen CT-Untersuchungen in den USA im Jahr 2023, aus verschiedenen, miteinander abgeglichenen Datenbanken.
2. Gruppierung der Untersuchungen in insgesamt 418 Patient:innen- bzw. Untersuchungsgruppen („strata“) zugeordnet, und zwar 8 Altersgruppen mit jeweils 18 CT-Untersuchungskategorien bei Erwachsenen und 5 Altersgruppen mit jeweils 13 CT-Untersuchungsgruppen bei Kindern, jeweils für männliche und weibliche Patient:innen.
3. Mittelwert und Standardabweichung der Dosen von jeweils 18 Organen wurde für jede der 418 Patienten- bzw. Untersuchungskategorien errechnet. Dafür herangezogen wurde das Dosisdatenregister der University of California San Francisco (UCSF). Daraus wurden 46 559 pädiatrischen und 74 653 Erwachsenen-CTs (durchgeführt zwischen Jänner 2018 und Dezember 2020 in 143 nordamerikanischen Spitälern) hinsichtlich dosisrelevanter Parameter im DICOM-Header, wie Alter, Geschlecht, effektiver Durchmesser der untersuchten Körperregion, Gerätetyp, Bezeichnung / Beschreibung der jeweiligen Untersuchung, kV, mA, Scanlänge, KM-Phase, Pitch und Schichtdicke analysiert.
4. Das strahleninduzierte Krebsrisiko wurde mit dem Radiation Risk Assessment (RadRAT) Tool des National Cancer Institute durchgeführt. Diese Software stützt sich auf Risikomodelle der Publikation über biologische Strahlenwirkungen der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften (BEIR) VII für insgesamt 18 organspezifische Krebsarten. Dabei wurden die im letzten Lebensjahr der Patient:innen durchgeführten Untersuchungen (10,6%) nicht berücksichtigt, da eine strahleninduzierte Krebserkrankung in dieser Zeitspanne biologisch besonders unwahrscheinlich ist. Darüber hinaus wurden zusätzliche Anpassungsfaktoren eingeführt, welche für die Risikoabschätzung unterschiedlichen Latenzzeiten für die Induktion von soliden Karzinomen, Leukämie und Schilddrüsenkrebs berücksichtigten, sowie auch Sensitivitätsanalysen der Ergebnisse hinsichtlich einer Variation u.a. des Anteils pädiatrischer Untersuchungen und der Häufigkeit und Dosis der Untersuchungen.
5. Ergebnisse:
2023 wurden in den USA 93 Millionen CT-Untersuchungen an 61,5 Millionen Patient:innen durchgeführt, somit etwa 1,5 CT-Untersuchungen pro Patient:in. Davon wurden rund 3 Millionen (3.3% aller Untersuchungen) an 2,57 Millionen Kindern (4.2% der der Patient:innen) durchgeführt. Nach Exklusion der im letzten Lebensjahr durchgeführten Untersuchungen wurden 84,16 Millionen CT-Untersuchungen für die Abschätzung des Krebsrisikos herangezogen. Aus der Strahlenexposition dieser Patient:innen im Jahr 2023 errechnen sich im Mittel 102.700 (90% uncertainty level – UL: 96400-109500) strahleninduzierte Krebserkrankungen im verbleibenden Lebensabschnitt, davon im Mittel 93000 nach Untersuchungen im Erwachsenen- und 9700 nach Untersuchungen im Kindesalter. Bei ersteren sind 21400 Fälle an Lungenkrebs, 8400 Kolonkarzinome und 7400 Leukämiefälle zu erwarten, bei Kindern sind 3500 strahleninduzierte Schilddrüsenkarzinome, 990 Lungenkarzinome und 630 Mammakarzinome zu erwarten.
Das Strahlenrisiko ist – bekanntermaßen - stark altersabhängig. IM BEIR VII-Modell bringen CT-Untersuchungen an Mädchen unter einem Jahr ein Strahlenrisiko von durchschnittlich etwa 20 ‰, dies sinkt bei Untersuchungen an 15-17-jährigen Mädchen auf etwa 2 ‰. Dennoch resultiert die überwiegende Mehrzahl an strahleninduzierten Krebserkrankungen schon aufgrund ihrer schieren Zahl aus Untersuchungen an Erwachsenen; die Altersgruppe mit der absolut höchsten Zahl an strahleninduzierten Krebserkrankungen ist jene der 50-59-jährigen Erwachsenen. Bei Letzteren ist mit 40% am häufigsten die Abdomen-CT für die erwarteten Krebsfälle verantwortlich, bei Kindern hingegen die Schädel-CT für mehr als die Hälfte (53%) der strahleninduzierten Krebsfälle.
6. Fazit:
Diese Studie ist eine Prognose, kein Nachweis. Sie stützt sich aber sehr wohl auf Nachweise des strahleninduzierten Krebsrisikos anhand zahlreicher groß angelegter Studien über medizinische und nicht medizinische Strahlenexpositionen, wobei sich die hier zugrunde gelegten BEIR VII-Daten nicht wesentlich von den rezentesten Studien über das CT-indizierte Krebsrisiko – wie z.B. die EPI-CT-Studie – unterscheiden. Die Neuigkeit ist, dass hier so feingranuliert wie nie zuvor die Risikoabschätzungen auf eine große Bevölkerung hochgerechnet wurden. Dies erscheint aus bevölkerungsgesundheitlicher Sicht legitim.
Diese Studie bleib nicht ohne Reaktionen. Neben einem Leitartikel in derselben Ausgabe des Journals, welche die Notwendigkeit der überlegten Indikationsstellung und der Dosisoptimierung von CT-Untersuchungen unterstrich, gab auch die AAPM (American Association of Physicists in Medicine) am Folgetag eine Stellungnahme ab. Diese betonte, dass diese Studie rein statistischer Natur sei, dass sie keinen direkten Hinweis auf die Krebsentstehung für einen individuellen Patienten liefere, und dass jedes Risiko („any risk“) einer CT-Untersuchung einer kranken Person wahrscheinlich („likely“) viel geringer sei als das Risiko der zugrundeliegenden Erkrankung.
7. Persönlicher Kommentar – „from LNT to NNT“?:
Die Frage nach dem Krebsrisiko von medizinischen Untersuchungen mit ionisierenden Strahlen wie der CT darf man heute als eine der am gründlichsten untersuchten wissenschaftlichen Fragen bezeichnen. Die diesbezüglichen Ergebnisse bieten trotz restlicher Unschärfen und Unsicherheitsfaktoren ein immer klareres Bild, eben nicht nur für die japanischen Atombombenopfer, sondern gerade auch für die medizinische Röntgen- bzw. CT-Diagnostik. Dabei verdichten sich auch immer mehr die Hinweise auf die tatsächliche Gültigkeit der LNT-Hypothese (das strahleninduzierte Krebsrisiko steigt linear mit der Dosis, ohne unteren Schwellenwert- „linear, no treshold“).
Im Gegensatz dazu wird die Diskussion um den medizinischen Nutzen der radiologischen Untersuchungen bzw. des Risikos ihrer Unterlassung noch immer auf einem niedrigen Niveau geführt. Die in der AAPM-Stellungnahme nicht zum ersten Mal getroffene Behauptung, dass das Risiko einer CT-Untersuchung wesentlich geringer ist als das Risiko der abzuklärenden Erkrankung, muss in seiner Pauschalität hinterfragt werden. Zahlreiche Untersuchungen zeigen leider, dass ein großer Anteil radiologischer Untersuchungen für die Patient:in keinen oder nur einen unwesentlichen Nutzen bringt.
Eine Schwäche der Arbeit kann man darin finden, dass zwar sehr genau Organdosen errechnet wurden, nicht jedoch die Expositionswerte (DLP, CTDIvol) der verschiedenen Untersuchungskategorien, was eine Vergleichbarkeit mit der Expositionspraxis, z.B. in Österreich, erschwert. Tatsächlich widerspiegeln die in dieser Studie verwendeten Dosiswerte die US-amerikanische Praxis in den Jahren 2018-2020. Diese kann tatsächlich zu höheren Dosen führen als in der EU, wie auch eine in dieser Publikation zitierte Arbeit derselben Arbeitsgruppe aus 2019 gezeigt hat2, in welcher die US-Dosen ca. 1,5-mal höher als in den teilnehmenden EU-Ländern waren. Ähnliche Ergebnisse zeigte die 2022 publizierte Studie der Holeczke-Preisträgerin 2022, Denise Bos3.
Natürlich bringen auch neue technische Entwicklungen wie KI-gestützte Bildrekonstruktion, Photon counting-CT etc. Potential für wesentliche Dosisreduktionen. Bis diese auf breiter Basis im medizinischen Alltag umgesetzt werden, dauert es allerdings Jahre bis Jahrzehnte, und selbst dann kann die Dosisreduktion von einer ansteigenden Zahl an Untersuchungen zumindest zum Teil zunichtegemacht werden.
Auch wenn die aktuelle CT-Praxis in Österreich und anderen deutschsprachigen Ländern vielleicht nicht für 5%, sondern nur für z.B. 2% der jährlich diagnostizierten Krebsfälle verantwortlich sein sollte, ist meiner Meinung nach ein Diskussionsbedarf nicht mehr über die mittlerweile bestens erforschte Existenz eines Strahlenrisikos gegeben, sondern es sollte vielmehr endlich jener Ansatz einziehen, welcher bei der Bewertung therapeutischer Methoden schon lange selbstverständlich ist – z.B. in Form der „number needed to treat (NNT)“.
In der Therapie ist eine Maximierung eines Therapieerfolges nicht üblich ohne Berücksichtigung der Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen, sowohl auf individueller als auch auf systemischer Basis – wie z.B. der Resistenzentwicklung beim Einsatz von Antibiotika. Es wäre höchst an der Zeit, die Abwägung von Nutzen und Risiko auch für die radiologische Diagnostik auf einem vergleichbaren Niveau zu führen. Andernfalls wird sich angesichts der ganz allgemein rasanten Wachstumszahlen der Schnittbildgebung die Problematik des Strahlenrisikos verschärfen.
Nebstbei: nicht nur diese, sondern auch ganz allgemein die Problematik des zeitgerechten Zuganges jener Kassenpatientinnen und -patienten zur Schnittbilddiagnostik, welche tatsächlich einen medizinisch dringend indizierten Abklärungsbedarf haben.
2Smith-Bindman R, Wang Y, Chu P, et al.: International variation in radiation dose for computed tomography examinations: prospective cohort study. BMJ. 2019;364:k4931
3Bos D, et al.: Diagnostic reference levels and median doses for common clinical indications of CT: findings from an international registry. Eur Radiol. 2022 Mar;32(3):1971-1982
B) VMSÖ-Jahrestagung 2025
Die Jahrestagung 2025 wird am 04.10.25 im Salzburg Congress, gemeinsam mit der ÖRG, stattfinden.
Vorprogramm:
09:00 - 10:30: Strahlenschutz bei der Herzbildgebung:
- Herz-CT als Screening
- Herz CT mit Photon Counting-CT
- Myocard-Szintigraphie – wozu noch?
- Rechtfertigung, Indikation, Strahlenexposition bei Lungenscreening und Herz CT
PAUSE 10:30 - 11:00
11:00 - 12:30: MR Sicherheit und Einblicke in die Strahlenbiologie
- Wozu brauchen wir einen MR-Sicherheitskurs und was lernt man dabei?
- Aktuelle Entwicklungen in der Strahlenbiologie
- Maßnahmen bei einem nuklearen Angriff – Schutzstrategien
Verleihung des Holeczke-Preises
Im Anschluss: Generalversammlung des VMSÖ.
Weitere Details, Anmeldung in Kürze
C) Weitere Termine
13.06.2025 | MR-Refresherkurs
19.-20.11.2025 | Ausbildung zum MR-Sicherheitsbeauftragten
Mit besten Grüßen,
Dr. Gerald Pärtan